Mueller_Roedelius

Imagori ist das erste gemeinsame Album der beiden musikalischen Grenzgänger Hans-Joachim Roedelius (u.a. Cluster, Harmonia) und Christoph H. Müller (u.a. Gotan Project). Elektronische Beats, schwebende Pianomelodien, perkussive Elemente: Ein atmosphärisch dichtes Album, durchgehend warm und harmonisch – obwohl es von offensichtlichen Gegensätzen lebt.

Christoph H. Müller und Hans-Joachim Roedelius sind zwei legendäre Musiker, die mehr als eineinhalb Generationen trennt. Beide verbindet die Lust am Entdecken, am Überwinden von Denk- und Hörmustern – und doch sind sie Sounderfinder völlig unterschiedlicher Natur. Roedelius als Vordenker experimenteller elektronischer Musik und Teil von Cluster und Harmonia, zwei der richtungsweisenden Band-Projekte der 70er-Jahre. Müller als Komponist, Produzent und Soundtrackspezialist, der in den späten 80er-Jahren mit Elektropop von Touch al Arab in den Charts stand, später immer mehr mit der Rootsmusik Südamerikas beschäftigte und maßgeblich dazu beitrug, das Label „Weltmusik“ zukunftsoffen und innovativ zu gestalten – zum Beispiel mit Plaza Francia oder dem Elektro-Tango von Gotan Project.

Der 1934 in Berlin geborene Roedelius gilt als einer der einflussreichsten deutschen Musiker der Postmoderne, als Miterfinder von elektronischer Musik im Allgemeinen und von Ambient im Besonderen. Die Musik von Hans-Joachim Roedelius verzichtet meist auf klassische Songstrukturen, sie ist im besten Sinne Grenzen sprengend – und sie war dies von Anfang an, seit den ersten Sessions im Berliner „Zodiak Free Arts Lab“ Ende der 60er-Jahre. Gemeinsam mit Dieter Moebius und Michael Rother von Neu! hat Hans-Joachim Roedelius den Weg für das geebnet, was erst als „Krautrock“, später als „Elektro“ Musikgeschichte wurde. Songs, die von Stimmungen und Klängen getragen werden, ohne rechte Anfänge und klare Enden. Tracks statt Songs. Gemeinsam mit Brian Eno entstanden auch heute noch hochmoderne Klassiker wie „After The Heat“ (Cluster, 1978), später erfolgreiche Soloalben wie „Jardin au Fou“ (1979). Heute widmet sich Roedelius vor allem dem Flügel – das Entdecken und Definieren von Sounds und Geräuschen, ob aus dem Klavier oder aus elektronischen Geräten, ist bis heute ein entscheidendes musikalisches Leitmotiv des mittlerweile in Niederösterreich lebenden 80-Jährigen.

Auch Christoph H. Müllers Werk ist ohne elektronische Komponenten und Beats nicht vorstellbar – und doch baut seine Musik deutlich stärker auf gelernte Songstrukturen. Der Komponist und Produzent ist in der Schweiz aufgewachsen, lebt seit fast einem Vierteljahrhundert in Paris und arbeitet immer wieder mit höchst unterschiedlichen Musikern zusammen – von argentinischen Tango-Künstlern bis Americana-Bands wie Calexico. Seine Musik ist die schönste Art von Fusion, das zeigen Projekte wie Radiokijada, das die Percussion-lastige afro-peruanische Musik mit elektronischen Mitteln ins Heute übersetzt. Conny Plank – der maßgebliche Produzent fast aller Krautrock-Bands der 70er – ist bis heute ein großes Vorbild für Müller.

Die Kooperation zwischen Roedelius und Müller entstand nach einer gemeinsamen Konzertreihe 2012 in Paris – mit weitgehend improvisierten Auftritten, die auf Roedelius „Papier“-Stücken basierten. Entstanden ist nun mit Imagori ein Album, das dem bisherigen Werk beider Musiker ein völlig neues Kapitel hinzufügt. Es ist keineswegs ein typisches Christoph H. Müller-Album – und es ist auch nicht die Essenz der Roedelius-Musik. Für Müller bedeutet Imagori eine Rückkehr zu seinen Wurzeln im Arrangieren von Beats und Komponieren elektronischer Musik. Roedelius liefert mit dem Album einen vorläufigen Höhepunkt seines beeindruckenden Spätwerks, das in den vergangenen Jahren immer vielschichtiger und spannender wurde. Nach Kooperationen mit Lloyd Cole und Stefan Schneider, sowie Konzertreihen mit Jean-Benoit Dunckel (Air) und Christopher James Chaplin, besticht Imagori mit seinem Mut zur Zugänglichkeit.

Ausgang des Albums waren Pianominiaturen und Rhythmusexperimente, die zunächst aus Roedelius’ Archiv stammten, im fortlaufenden Arbeitsprozess haben die Musiker immer mehr neu komponiert. Die Stücke überraschen, auch in ihrer eigenen Struktur: Wie bei einem Origami ergibt der nächste Klang oder das nächste Element des Tracks oftmals ein völlig neues (Klang-)Bild. So erinnert das Titelstück „Origami“ mit seinen ungewöhnlichen Downbeat-Sounds an Glanzstücke wie „Atmosphere“ von der Platte Harmonia & Eno `76. Brian Eno taucht wie ein guter Geist mit einem Spoken Word-Teil im Track „About Tape“ auf. „Himmel über Lima“ arbeitet sich, inspiriert von einem afro-peruanischen Walzer-Beat im ¾-Takt, ganz harmonisch auf eine Rhythmus-Verschiebung hin, die schließlich in einem fast klassischen Roedelius-Ambient-Sound mündet.

Beats-orientierte Kompositionen treffen auf melodische Improvisationen. Die Artikulation lebt oftmals von einer Gleichzeitigkeit von Legato und Stakkato: Während die Müller-Beats in einer durchaus pumpenden Downbeat-Konsequenz den Rahmen geben, bewegt sich das Roedelius-Piano in Stücken wie „QM“ traumwandlerisch durch die Tracks. Das Ergebnis ist ein Album, das in sich ruht, auf positive Art geschlossen wirkt – und jede Sekunde spannend ist.

 Jan Kirsten Biener

München, April 2015

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