Holger Czukay, 1983, On The Way To The Peak Of Normal, Hit/Flop, Der Osten Ist Rot/Rome Remains Rome, Grönland Records, groenland records, Berlin

Holger Czukay

Nachruf: 

Es ist schwierig, von einem Meisterwerk im Sinne eines Höhepunktes zu sprechen, wenn es um das Schaffen eines Meisters geht. Und Holger Czukay war ein Meister, jedes seiner Werke weiß davon zu erzählen. Der 1938 in Danzig geborene Schüler Stockhausens glänzte mit seinen Veröffentlichungen, fing bereits 1960 unter bürgerlichem Namen mit dem Holger Schüring-Quintett an, baute seit 1969 starke, kunstvolle Brücken zwischen Avantgarde und Pop – und gilt bis heute als eines der einflussreichsten internationalen Aushängeschilder klanglicher Innovation aus Deutschland. Nicht nur seine eigenen Veröffentlichungen beweisen dies, auch die unzähligen Platten, an denen er als Musiker oder Produzent beteiligt war, boten ein Maß an Originalität, Innovation und Humor, das nicht zuletzt durch den universellen Dilettanten, wie sich Czukay selbst gern nannte, entstand!

Czukays Facettenreichtum und sein spontaner, situativer Zugang, der ihm beispielsweise in seinen vielumjubelten Zusammenarbeiten mit Can-Kollege Jaki Liebezeit, Jah Wobble und The Edge (Full Circle 1982, Snake Charmer 1983) viel Bewunderung einbrachte, zeigte den sympathischen Musiker als Dreh- und Angelpunkt einiger der wegweisendsten Schallplatten der Musikgeschichte des späten 20. Jahrhunderts – und dies nicht nur in Deutschland. Eurythmics, Brian Eno, Conny Plank, Phew, David Sylvian, S.Y.P.H. – die Liste der Kollaborationen ist lang, noch länger wäre die Aufzählung derer, die er mit seiner Kunst inspirierte. Damon Albarn etwa traf Czukay und fand durch ihn seine Idee von den Gorillaz. Doch das ist nur eine von unendlich vielen Anekdoten aus einem bewegten Leben.

Interessant an Czukays Schaffen war dabei die Bildhaftigkeit, die seine akustische Arbeit stets mit sich brachte. 1979, kurz nach der Auflösung von Can, mit denen er als Gründungsmitglied zwölf Studioalben veröffentlichte, erschien etwa »Movies«, sein zweites Soloalbum nach »Canaxis 5« (das er schon 1969 zu Beginn seiner musikalischen Karriere mit Rolf Dammers heimlich im Kölner Stockhausen-Studio aufgenommen hatte). In »Movies« zeigte sich konkreter denn je: Sein Verfahren, aus der Situation der Aufnahme heraus auch vermeintliche Sound-Unfälle in seine Stücke zu integrieren, etwa durch die Verwendung von zufällig gefundenen Radiowellen, schuf musikalische Assoziationsketten, die das sprunghaft Visuelle der Post-Moderne zu Klang brachten, wie man es sonst nur aus dem experimentellen Kino kannte. »Movies« war dabei auch eine Konsequenz aus der Affinität für Filmmusiken, die schon seit der »Soundtracks«-Compilation (1970) die Geschichte von Can begleitete. Hier manifestierte sich spätestens Holgers Status als Großmeister der analogen Schnitttechnik.

Holger Czukay verstarb am 5. September 2017 nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Partnerin Ursa Major. Bis zuletzt lebte er inmitten seiner Instrumente in dem alten Kino in Weilerswist bei Köln, wo so viel Musikgeschichte geschrieben wurde.

–Hendrik Otremba

____________________________________________________________________

 

 

 

 

Manchmal scheint die Schatztruhe der Vergangenheit sich wie von Geisterhand immer wieder neu aufzufüllen.

LES VAMPYRETTES

So veröffentlichte GROENLAND das CONNY PLANK-Boxset, auf dem sich einige unerhörte Schätze aus seinem legendären Produzentenleben fanden. Dass nicht einmal ein Jahr später aus seinem Nachlas das obskure Werk LES VAMPYRETTES wiederveröffentlicht wird, damit war nicht zu rechnen.

Und nicht nur CONNY PLANK Fans werden eine große Freude an dieser 1980 in Kleinauflage erschienen EP haben, denn der kongeniale musikalische Partner auf LES VAMPYRETTES ist kein Geringerer als HOLGER CZUKAY aus dem Hause CAN.

„Pass auf wo Du stehst / Pass auf wo Du gehst /Am Tag und in der Nacht / Überall wirst Du bewacht,“

begrüßt uns dort eine metallene Geisterstimme in nächtlicher Trunkenheit zu krautigem Geplocker, Gedröhne, Gezischel und Geklacker.

Wo Kraftwerk ein halbes Jahr später großbürgerlich die Computerüberwachung zur neuen Selbstverständlichkeit erklären (haben halt einfach alle unsere „Daten da!“), schlüpfen Czukay und Plank als LES VAMPYRETTES comic-haft in die Rolle der BIOMUTANTEN.

Was die Welt dank Edward Snowden in diesem Jahr begriffen hat, beschwören LES VAMPYRETTES bereits im Jahr 1980: Hinein also in eine Klangwelt, in der sich „Plastik und Plasma verwandeln“ und „die Mutanten tanzen“. Eine bedrohliche Welt, in der Daten wie Blut fließen und der Elektroschrott Mutter Erde verseucht. Auch im zweiten Stück mit dem Titel „MENETEKEL“ glaubt man gewissermaßen die Geister von H.P. Lovecraft (Wahnsinn) und William Gibson (Cyberspace) vereint zu hören:

„Die Schizophrenie der Freaks des Geistes / schleicht durchs Hirn und niemand weiß es / Der Irrsinn kriecht von West nach Osten / die Augen fangen an zu rosten.“

ON THE WAY TO THE PEAK OF NORMAL

„On The Way To The Peak Of Normal“ aus dem Jahr 1981 hat Holger Czukay zur Hälfte (die A-Seite) mit den frisch verstrittenen Postpunks von S.Y.P.H. aufgenommen.

Das Coverdesign mit der Kinderzeichnung von Conny Planks Sohn Stephan von „On The Way To The Peak Of Normal“ ist übrigens im Original von Eveline Grunwald, die man neben Constanze Karoli (der Schwester des verstorbenen Can-Gitaristen Michael Karoli) als Model auf dem Cover der legendären Roxy Music-Platte „Country Life“ findet. Von Eveline Grunwald ist übrigens auch Joachim Witts Coverartwork zur „Silberblick“-Phase („Der Goldene Reiter“), auf dem auch Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit Schlagzeug spielt. Allein diese kleine Anekdote zeigt, wie sich die Krautrock-Pioniere und ihre Entourage und die aufstrebende Postpunk/NDW-Generation um 1980 herum die Hand gereicht haben.

„On The Way Of The Peak Of Normal“ zeigt die experimentelle, konzentrierte Freak-Out-Seite dieser Zeit – weit jenseits Dieter Thomas Hecks’ Hitparade. Aber tatsächlich gar nicht so weit davon entfernt, wie man gemeinhin vermutet.

DER OSTEN IST ROT/ ROME REMAINS ROME

„ Als ich ein kleiner Junge war musste ich meine Heimatstadt Danzig in Polen verlassen. Meine Mutter hatte schon die Tickets für das Schiff, die Wilhelm Gustlof, gekauft als uns meine Großmutter warnte, dass „Wasser keine Planken hat“. Ich habe diesen Satz nie vergessen, weil er uns das Leben gerettet hat. Wir sind nicht an Bord gegangen, sondern zum am 13.Januar 1945 zum Hauptbahnhof gefahren. Es war eine eisige Nacht und wir hatten unheimliches Glück, dass ein Zug mit verwundeten Soldaten uns mitfahren liess. Sie haben uns ein bisschen Platz gemacht auf ihren Matratzen zum Schlafen und so sind wir nach Berlin gefahren. Als wir ankamen sah ich aus dem Fenster und alles was ich sah waren Steine und ein freies Feld und ich fragte mich: „Sieht so eine Hauptstadt aus“?

Eine lange Zeit verging und ich begab mich auf eine Reise nach London. Der Gepäck Kontrolleur am Flughafen hielt mich an und fragte: „Auf welchem Schiff sind sie, Sir“? Ich antwortete: „Auf der General Belgrado, Sir“. Dieses Schiff war gerade auf den Meeresgrund gesunken nachdem es durch die britische Navy im Falkland Krieg zerstört worden war.

Diese Schiffsgeschichten müssen noch um eine weitere ergänzt werden, als mein freund Conny Plank und ich 1982 auf unserer Reise in Hongkong waren. Conny wollte mehr über seine Wurzeln erfahren, da sein Großvater Deutschland mit den Truppen Williams II. Richtung China verlassen hatte und sich als Schiffsbauer dort niedergelassen hatte.

Wenn ich mich an Conny erinnere muss ich auch an meine Promotour nach Japan im jahr 1982 denken, wo wir zusammen hingefahren sind. Die Plattenfirma drehte einen Werbespot für das album zusammen mit einem bekannten japanischen Whiskeyhersteller. Dort besteigt ein Mann ein kleines Boot und rudert langsam vom Ufer weg auf einem See. Er hört ab und zu auf zu rudern um sich einen Schluck Whiskey zu genehmigen und rudert dann weiter. Nach 40 Sekunden taucht eine Flasche Whiskey aus dem Wasser auf und dazu erscheint der Text: „Für Menschen die sich nach Freiheit und Unabhängigkeit sehnen“.

Holger Czukay

 

 

Holger Czukay

Interview (21.11.13)

Wie sitzen hier an dem Ort, an dem viele Can-Alben entstanden ist. Das „Inner Space Studio“ befindet sich hinter uns. Viele Musikbegeisterte bekommen wohl feuchte Hände, wenn sie daran denken. Gibt es auch ein Studio, das dich fasziniert?

Holger Czukay: Ja, das gibt es. Allerdings muss ich zugeben, dieses hier ist schon etwas ganz Besonderes, zumal das so einen Aufbau und Abbau gleichzeitig erlebt hat. Das ist ja dann in das Museum gegangen und eigentlich wollte ich mich noch verabschieden von dem Raum. Da sagte meine Partnerin: „So Holger und jetzt holst du dir das Studio wieder.“ Und dann hat die angefangen, einen tollen Garten da herzustellen und dann innen drin diesen Raum zu machen. Dieser Raum ist absolut ungewöhnlich. Das kann man schon sagen. Das ist ein Kunstwerk ohnegleichen. Und außerdem ist es auch noch groß. Du musst dir denken, Studios sind normalerweise klein, kleine Kabüffchen, aber dieses Studio hier…da kannst du ein Orchester unterbringen. Es klingt immer offen und weit. Das ist schon toll.

Aber gibt es denn ein konkretes Studio, wie zum Beispiel das Abbey Road Studio, das du bewunderst?

Holger Czukay: Das wäre mit Sicherheit der Fall, ja. Doch, doch, doch. Ich kenne Abbey Road Studio. Also insofern würde ich sagen durchaus. Eigentlich sind alle Studios für mich sehr interessant, weil ich immer ein Technikfreak war, eigentlich von Anfang an. Mein Zugang zur Musik war eigentlich auch über die Technik.

Kannst du das erläutern?

Holger Czukay: Bei uns war das Studio eine Notwendigkeit. Bei Can auf jeden Fall. Denn wenn wir in ein normales Studio gegangen wären, das wäre unbezahlbar geworden für uns. Aber dadurch, dass wir das selber gemacht haben – selber sozusagen das Studio gewartet haben, selber ergänzt und alle Einmischungen und so weiter vorgenommen haben, das habe ich meistens getan. Das hat sofort eine ganz enge Verbundenheit. Ich erinnere mich jetzt noch daran, ich spielte zum ersten Mal auf einem Festival mit einer Jazzband. Da kommt der Redakteur. Da war auch einer vom WDR. Der kommt rein und sagt: „Holger, es tut mir leid, die Jury kann mit dir nichts anfangen. Aber mach dir nichts draus. Pass auf, du spielst jetzt aus der Konkurrenz und dann lad ich dich ein und dann machen wir mal ein paar Aufnahmen im Radio.“ Ich weiß noch, wie das so war. Ich hatte diesen Studiotermin im Radio und kam in das Studio rein, wo Kurt Edelhagen und die großen Jazzorchester aufnahmen und sagte mir nur: „Das muss alles eines Tages dir gehören.“ Und so fand ich dann irgendwann einen Beerdigungsunternehmer. Ich wollte ihm eigentlich einen Sarg vermachen. Wer den kauft, kriegt das ewige Leben, oder so etwas. Ich ging in diesen Laden rein. Da waren zwei alte Damen, die hingen an seinem Ohr. Ich dachte: „Merkwürdig.“ Und dann verabschiedeten sie sich lächelnd und ein bisschen kichernd. Da sagt er: „Kommen sie mal mit in meine Katakomben.“ Er ahnte schon, um was es eigentlich ging. Und da war dann nun für sich wirklich alles, was der Rundfunk rausgeschmissen hatte. Was man rausschmeißt, das hat eigentlich eine Qualität, die auf die Ewigkeit hin getrimmt worden ist und sozusagen auch nicht nur für eine bestimmte Person, sondern auch für verschiedene Leute, die dort arbeiten. Für mich war das der Beginn meines neuen technischen Zeitalters. Denn ich habe sofort, als die Digitaltechnik aufkam, umgeschaltet und gesagt: „Du kannst dir zwar noch keine Digitaltechnik erlauben, aber du wirst dir diese alten Maschinen, die vier Stück, nehmen. Und dann wirst du sozusagen mit vier Maschinen gleichzeitig eine digitale Produktion machen. Ich konnte das alles zusammen montieren. Es war genau das, was man eigentlich im Digitalen genausogut kann. Aber dieses Studio, was ich dann mir gebaut hatte, das hatte eine ganz besondere Atmosphäre gehabt, die ich nirgendwo anders gesehen habe.

Du hast ja sehr viele musikalische Strömungen mitbekommen. Irgendetwas passiert ja immer, obwohl der Vorwurf im Raum steht, dass sich die Stile auch wiederholen. Wie schafft man es, neugierig zu bleiben?

Holger Czukay: Also bei der Kreativität, und es handelt sich beim Musikmachen um eine kreative Tätigkeit, da ist es nicht so wichtig, wer bist du; du bist sozusagen der Schöpfer. Du bist überhaupt kein Schöpfer. Wenn du wirklich schöpferisch bist, dann geht das alles durch dich hindurch und du wirst zum Medium. Aber du bist nicht derjenige, der sagt: „Ich bin der große Fußballking und der große Gitarrero. Ich kann das schneller spielen als jeder andere. Alle diese Sachen, die liegen mir überhaupt nicht. Das kommt noch dazu. Ich speziell bin gestartet bei Can als jemand, der eigentlich alles verlernen wollte, was er gelernt hatte. Und damit konnte ich ja auch nichts. Damit war ich ein universaler Dilettant und ich fand das fantastisch, dass man eigentlich aus einer Position heraus arbeitet, indem man jemanden sozusagen einen Olympioniken, einen Experten glatt überholen kann. Das hat mich immer sehr interessiert. So geht es mir bis heute. Ich spiele jedes Instrument, aber die Leute sollen möglich nicht Stars ein. Zum Beispiel war das am Anfang bei Can eine ganz komische Geschichte. Ich traute mich nicht, auf die Bühne zu gehen. Ich hatte richtig große Angst und hatte mir daraus ein Arrangement überlegt, wie eine Telefonzelle. Ich bin in einer Telefonzelle und drumherum sind die anderen, aber ich bin abgeschlossen. Das fand ich toll, so eine Sache. Heute auch. Wenn mir jemand zuhören würde. Wenn ich hier eine Gitarre spielen würde, das würde ich nicht gern haben. Das würde ich überhaupt nicht mögen.

Gibt es denn etwas, das dich heute begeistert?

Holger Czukay: Was ich jetzt mitkriege, die amerikanische Einflüsse, da sind plötzlich Sachen drauf, das kann doch wohl nicht wahr sein. Das ist fantastisch. Unglaublich. Ich kenne keine Namen, weil die auch keine Namen in dem Moment ansagen. Aber ich weiß, das sind amerikanische Produktionen. Die laufen zunächst einmal sozusagen wie auf einem Song als Basis und plötzlich schalten die um auf so eine Erlebnisatmosphäre darin, als wenn da einer mit einer Voodoozeremonie was zusetzt, das heißt irgendeine Musik, die ein unglaubliches Geheimnis hat – als wenn die Leute alle flüstern. Da habe ich gedacht, das ist doch wohl nicht wahr. Ich war vollkommen sprachlos, wie gut das war.

Sind das dann Samples?

Holger Czukay: Nein, nein, nein, nein. Ich würde sagen, wie sie es hergestellt haben, das kann ich ja noch nicht einmal sagen. Aber das, was ich höre, das ist wirklich äußerst geheimnisvoll, etwas, das man normalerweise so nicht wahr nimmt.

Du bist ja auch für deine Samples berühmt geworden. Hast du eigentlich jemals Probleme mit Urheberrechten gehabt?

Holger Czukay: Ich habe nie ein Problem gehabt, weil es entweder selbst gemacht habe oder das war immer so kurz, dass das nichts Besonderes war. Als ich eine Platte mit dem Papst gemacht hatte, damals mit Wojtyla, selbst da hätte man ja Probleme kriegen können, hatte es aber nicht gegeben. Komischerweise hat sich da, „Blessed Easter“ hieß die Nummer“ …wo dieses Vatikanorchester da gespielt hat. Ich habe das ja damals daraus so ein Video da gemacht, dass du den Eindruck hattest, dass wir diejenigen waren, die im Vatikan gespielt haben. Wir waren das. Die katholische Kirche hat mir nie ein Problem bereitet. Ganz im Gegenteil. Die evangelische Kirche, denen war das verdächtig. Denen fehlt auch dieser Sinn für Humor. Nach diesem Erlebnis bin ich ja damals nach Brasilien gegangen und habe da sozusagen Kurse gehalten. Da war unter anderem ein über 80jähriger Mann. Da sagte mir die Übersetzerin: „Achten sie mal auf den. Das ist ein Mönch in zivil.“ Selten einen Menschen gesehen, der so viel Sinn für Humor hatte und so lachen konnte. Dann habe ich ihm das vorgespielt. Das habe ich wirklich zunächst einmal getestet mit einem Mönch. Da sagt der: „Das müssen sie unbedingt dem Heiligen Vater persönlich vorspielen.“ Ich habe gesagt: „Meinen sie, der hat den Humor, dass er das ertragen kann?“ [lacht] Dan sagt er: „Hören sie, jemand der in Rom diesen Job macht, Papst zu sein, ohne Humor steht er den nicht durch.“ Im Falle von Wojtyla mag das stimmen.

Humor ist ja auch ein wichtiges Stilmittel in deiner Musik…

Holger Czukay: Humor muss man erst einmal lernen. Den hast du nicht sofort in die Wiege gelegt bekommen. Ich bin hier richtig durch eine gute Schule gegangen. Das hängt davon ab, wer ist dein Partner, wer sind deine Freunde. Ich hatte einen Spezialisten hier, der hatte ein sehr gut gehendes Café, wo sich alle Medienleute auch trafen, sogar Geheimdienste und so. Das war hier in Köln, mitten im Zentrum. Und eines Tages kommt Howard Carpendale rein. Der mag aber Howard Carpendale nicht und ging also sofort auf ihn zu und sagte: „Ich muss sie bitten, umgehend das Lokal zu verlassen.“ Das konnte Howard Carpendale aber nicht verstehen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, er musste umdrehen. Ein paar Tage später kommt ein Brief von seinem Anwalt, dass es doch unverständlich wäre, er hat doch gar nichts getan. Das wäre ganz im Gegenteil Imageschädigung und Rufschädigung und deswegen würde er Schadenersatz verlangen. Und jetzt habe ich gelernt, sozusagen Humor zu haben. Er schrieb also zurück: „Sehr geehrter Herr Carpendale, sie sind jederzeit in meinen Betrieben herzlich willkommen. Offenbar sind ihnen aber die wütenden Blicke von Doktor Watsee und Professor Ajax entgangen. Darf ich sie bitten, eine Woche vorher ein zwei mal zwei Meter großes Poster von sich vorbei zu schicken, damit ich Professor Ajax und Doktor Watsee schon mal an ihren Anblick gewöhnen können. Was den Punkt der Imageschädigung betrifft, werde ich ihnen sagen, was ich darunter verstehe.“ Vier Wochen später, wo die Nullnummer oder die erste Nummer der Funkuhr rauskommt, Titelbild: Howard Carpendale in der Mitte, links und rechts flankiert von Doktor Watsee und Professor Ajax. Und darauf die Überschrift: Wie ein Hund Herrn Carpendale Hausverbot erteilt [lacht].

Ich muss bei diesem Humor auch an die „Biomutanten“ denken. Wo ist die Grenze zwischen „Humor“ und „Albernheit“?

Holger Czukay: In diesem Fall sehe ich die Nummer mit „Pass auf wo du gehst, pass auf wo du stehst.“ Diese Nummer ist ja wirklich aufgeführt worden als Schauspiel mit einem Autofahrer, der plötzlich auf eine Müllkippe kommt und dort eine Pfanne hat und die Monster ihn plötzlich angreifen. Das war im Schauspielhaus Bochum. Wir haben dazu die Titel nur gemacht. Die Jungs haben dann alle die Monster gebaut, die sehr witzig und humorvoll aussahen. Das war schon ein tolles Erlebnis, wie die das gemacht haben. Ehrlich. Dann haben wir die getestet, gut das ist über 20 Jahre her, im BFBS nachts. Da läutete das Telefon und eine Frauenstimme sagt: „Bitte schalten sie sofort die Musik aus. Ich habe solche Angst!“ [lacht]. Und da habe ich mich gefreut.

Ist es eigentlich erschreckend, wie aktuell der Text von „Biomutanten“ noch ist?

Holger Czukay: Erschreckend ist es nicht, weil mir das irgendwie klar war. Ich mache keine Musik, die morgen eigentlich schon tot ist. Das ist gar nicht mein…der Typ bin ich nicht. Also die müssen schon ein bisschen länger aushalten. Aber irgendwie hat mich auch jemand gefragt, wegen den Vampyretten: „Mit wem würdest du jetzt gern tauschen?“ Dann sagte ich: „Mit meinem Gitarristen, der liegt jetzt schon tot im Sarg.“ Dann sagt er: „Wieso?“ „Nun, weil jetzt gleich Halloween kommt. Dann kommen doch die Vampyretten und versorgen mich mit Frischblut. Dann steigen wir zum Jungfernflug auf.“ Das Cover sieht ja auch so aus, dieses Mobil. Dass ein Vampir, eine Art von Mutterflugzeug darstellt und Conny Plank und ich sind die beiden wie Raketen, die man dann los lässt und dann selbst auf Jagd gehen. Das fand ich schon irgendwie gut [lacht].

Welchen Stellenwert hat „On The Way To The Peak Of Normal“ jetzt rückblickend für dich?

Holger Czukay: Ein besonderen Stellenwert, weil ich ja keine Songs mache. Das interessiert mich ehrlich gesagt wenig, einen Song zu machen, aber sozusagen eine Popsymphonie herzustellen, die aber ganz anders ist als das, was man sich normalerweise unter einer Popsymphonie vorstellt, das hat mich sehr interessiert. Und dieses Album ist wirklich etwas, was aufgebaut ist fast wie eine Symphonie. Das klingt auch so, ganz eindeutig. Weil ich überhaupt niemals eine Reproduktion mache…wie sagt man, eine Wiederveröffentlichung. Ich mache keine Wiederveröffentlichungen. Das gibt es gar nicht. Also mittlerweile habe ich mir angewöhnt, dass wenn eine Platte rauskommt, dann läuft die ab und das war sie. Was jetzt sozusagen mit „Peak Of Normal“ rauskommt wird ja sofort flankiert von „Peak On The Way To Normal“. Und zwar ist da mit „Peak“ eine Person und „Normal“ ebenfalls eine Person. Und diese Platte, die jetzt rauskommt, die hat sozusagen nochmal den „Peak Of Normal“ sich richtig vorgeknöpft und Sachen da drin, die vorher gar nicht drin waren, denn das passte überhaupt nicht auf Vinyl drauf. Vinyl lief nicht lange genug. Die waren länger und ich musste die kürzen und kann die jetzt sozusagen neu präsentieren. Die erste Platte ist sozusagen das, was original ist. Die nächste Platte, die jetzt kommt ist „Peak On The Way To Normal“. Ich habe ja alle meine Bänder gescannt und habe die digitalisieren lassen. Dann habe ich mich damit hingesetzt und noch einmal ganz neu das ganze Ding nicht nur abgemischt, sondern wirklich ganz neu aufgefasst. Ich habe mich immer nur gewundert, dass meine Chefin von der Schallplattenfirma sagte…die war schon immer so, die bezahlte gleich im Voraus, ohne es überhaupt gehört zu haben. Und am Tag, bevor es losging, hatte sie es zum ersten Mal gehört, bevor sozusagen das Dead End war, wo es nicht mehr weiterging. Wir veröffentlichen, oder nicht. Dann hörte sie das und sagte nur: „Mein Gott, was klingt das gut!“ Die konnte das gar nicht fassen. Von einer Chefin so etwas zu hören, ist ungewöhnlich

Deine alten Platten werden ja auf Vinyl veröffentlicht. Findest du den alten Sound auch wärmer?

Holger Czukay: Die Digitaltechnik ist nicht stehen geblieben. Einiges ist da passiert, damit das wirklich an die analoge Qualität gleichzieht. Es ist nicht so, dass das …Das Analoge hat allerdings im Augenblick den aktuellen Stellenwert. Das liegt daran, du kannst die Zeit mit einer CD nicht richtig feiern. Mit einer Analog-Platte kannst du das. Die breitest du auf deinem Teppich aus und legst es dann drauf…dass du das überhaupt auflegst und dich um deine Atmo und all diese ganzen Sachen kümmerst….diese Zeremonie des Plattenauflegens ist etwas ganz Besonderes. Das hat auch etwas ganz Intimes. Das bedeutet aber nicht, dass das Analoge deswegen besser klingt als das Digitale.

Mit digitaler Technik kann man schon sehr bombastischen Sound erzeugen…

Holger Czukay: Es kommt mir gar nicht auf so bombastische Dinge an. Selbst eine Platte über das Telefon würde gut klingen, wenn die Musik gut ist. Filmmusik zum Beispiel oder wie früher Radio, Mittelwelle und so weiter, diese Medien haben alle ihr Eigenleben. Es gibt für mich keinen Qualitätsunterschied in dieser Richtung, sondern die Medien leben. Das ist etwas, was ich bewusst wahr nehme.

Was war das damals mit Can für eine Zeit in der Popmusik, wenn du das historisch einordnen müsstest?

Holger Czukay: Also zunächst einmal habe ich festgestellt, als wir angefangen haben, da haben wir gedacht: „Ah, jetzt beginnt aus Deutschland eine neue Richtung und jetzt beginnt sozusagen das Leben der Popmusik hier in Deutschland. Das mag de facto stimmen. Dennoch war unser Background eindeutig amerikaorientiert. Wir hatten von Anfang an gelernt, Bänder herzustellen, Musik herzustellen, die fast alles allgemeinverständlich klang, also bevor überhaupt der Gesang drauf kam…ja ganz cool. Das heißt: jede Floskel, die du auf der Gitarre oder sonst was, hätte fast jeder anders spielen können. Aber das Geheimnis ist, dass du plötzlich, wenn du das aktivierst sozusagen und überlebst, dass dann ein ganz anderer Sound entsteht. Das hatte mich immer an Amerika interessiert, wie die das gemacht haben, dass du eigentlich so ein musikalisches Allgemeingut hast, als würdest du so sagen, ich nehme die Gitarre zum nebenbei spielen. Auch zum Beispiel Folgendes: Da war Tom Fogerty. Der hatte so eine sehr spezielle Art auch zu singen, aber was machte der? In dem Moment, wo unvermeidliche Solo kam, hat der kein Solo gespielt. Der hat einfach das Band unten weiterlaufen lassen, und sonst nichts. Ich fand das immer faszinierend.

War es denn immer der Anspruch, etwas Neues zu erschaffen? Man wollte anders sein und sich nicht wiederholen?

Holger Czukay: Das mag ich nicht. Ich persönlich mag das nicht. Andere mögen das. Die machen sogar Hits, die sehr ähnlich sind, wie Boy George. Die sind so ähnlich wie der erste und verkaufen dann auch noch einmal genauso, aber die sehen auch Musik als Geschäft an. Ich sehe Musik nicht als Geschäft an. Ich fand den Karl-Heinz Stockhausen deswegen aber besonders gut. Dem hat man vorgeworfen, dass er Musik machen würde, nur um die Leute zu schockieren, um daraus eine Menge Geld zu machen. Und der sagte: „Oh nein! Das tue ich aus rein musikalischem Sinn. Was aber dem Vorwurf des Schockierens angeht, um mit dem Schock Geld zu machen, das habe ich gar nicht nötig. Ich habe ja eine reiche Frau geheiratet.“ Und das hat bei mir geklingelt. Da dachte ich: „Du machst es genauso wie er!“ und hab das auch genau getan. Ich habe gedacht, wo findest du viele ganz reiche Mädchen. Meine Wahl fiel auf die Schweiz. Ich schickte also mal schon jemanden vor. Um den Gebiet um den Genfer See herum, also von Genf bis nach Montreaux rüber, gibt es sozusagen die teuersten Internate. Da tauchte ich mit meinem 1949er Volkswagen auf und bewarb mich als Musiklehrer. Dann gab es sozusagen so ganz super teure für die Töchter aus den aller-allerhöchsten Kreisen. Die Direktorin kam grade aus Monte Carlo zurück. Du siehst den schwarzen Nappaleder. Und ich tauchte dann plötzlich auf: „Ich würde gerne hier Musiklehrer werden.“ Die checkte mich von oben bis unten. Dann sagte sie: „Na gut. Sie können Physik und Chemie in französischer Sprache unterrichten.“ Weder konnte ich Physik unterrichten, noch Chemie, noch Französisch. Mein Freund, der die Szene gut kennt, sagte: „Annehmen!“ Ich dachte: „Um Gottes Willen!“ Er sagte: „So viel Französisch kannst du doch noch! Bonjour! guck mal, dann lächeln dich die Mädchen an. Dann lächelst du zurück. Und nach vierzig Minuten Lächeln hast du 17 Schweizer Franken. Wo kriegst du heute 17 Schweizer Franken? Das ist doch ungeheuerlich.“ Ich habe wirklich diese Geschichte durchgezogen, allerdings dann später mit italienischen Kindern. Das war bombastisch. Du musst mal eine italienische Klasse haben. Dann flippst du aus. Die tanzen voll schnell bei dir auf der Nase rum und sind so was von süß [lacht].

Ihr wart mit Can Wegbereiter gewesen. Es dauert ein wenig, bis das auch das Publikum erkannte. Wann hattest du das Gefühl, dass ihr mit der Musik mehr erreicht?

Holger Czukay: Das ist richtig. Ich kann dir nicht sagen, wann das war. Es dauert meistens zehn Jahre mindestens. In meinem Fall, kann ich mich überhaupt nicht entsinnen, dass jemand mal sich so eine Instrumentalmusik aufgebaut hätte. Denn es kam ja plötzlich ein Bassist rein und plötzlich war ja Can vom Rhythmussektor her eine Supergroup. Ich brauchte plötzlich etwas ganz Anderes. Das hatte aber ein bisschen Sinn, denn Can war immer dann gut, wenn sie mit etwas Unbekannten konfrontiert wurden, weil sie dann genau hinhören mussten, um was es geht. Ansonsten vergisst du das zu hören, und du spielst dann einfach. Das ist dann langweilig.

Hast du eigentlich ein Lieblingssample?

Holger Czukay: Also Lieblingssamples habe ich eigentlich nicht. Da denke ich aber auch so ein bisschen richtig gehend wie ein Archivar. Ich kenne so meine Samples, die man auch wiederholen kann. Das ist ja wichtig. Wie kannst du Samples wiederholen ohne dass du denkst: „Oh, das habe ich doch schon gehört!“ Solche Sachen interessieren mich, die Unendlichkeit. Brian Eno zum Beispiel war auch so ein Typ. Für den galt, wie kann man Musik machen, die sich selbst erneuert? Und zwar vielleicht sogar mechanisch? Also das heißt, dass ein Musiker gar nicht am Werk ist, sondern eine Musik, die sich selbst erneuert. Das fand ich super. Die Idee fand ich ganz toll. Ich habe viel mit Brian gearbeitet. Also ich kenne seine Beweggründe.

Ich konnte mit dem neuen Brian Eno Album ja nichts anfangen…

Holger Czukay: Gut. So entscheide ich mich nicht. Ich würde so etwas eigentlich nie machen. Für mich muss Musik immer furchtbar aufregend sein. Deswegen ist auch das, was ich jetzt mache…Wir bringen jetzt über fünf Platten raus, demnächst. Und die sind alle anders!

Wie anders?

Holger Czukay: Einer meiner Mitarbeiter ist ein Leiter des Energiezentrums in Houston, Texas, der 28 Bohrinseln kontrolliert. Und das ist einer meiner besten Mitarbeiter. Als im Golf von Mexiko dieser Unfall war, du erinnerst dich, das hatte er alles voraus gesehen. Er war damals bei BP und hatte dann gekündigt. Kurz daraufhin ist diese Geschichte passiert. Ich kenne selten einen Menschen, der sozusagen eigentlich was ganz anderes macht, wie auf einer Bohrinsel zu kontrollieren und dann sozusagen daneben einen kleinen Computer hat und dann plötzlich so Sachen rüberschickt. Und du sagst dann: „Das ist doch wohl nicht wahr!“ Der ist ungewöhnlich, der ist brutal. Anders ausgesprochen: „Müll hat Qualität.“ Aber er gehört zu meinen besten und engsten Mitarbeitern.

© 2016 Groenland Records Impressum