Roedelius & Tim Story

Hans-Joachim Roedelius (*1934) gehört zu den gespenstischen Großgestalten der zeitgenössischen Klangkunst. Großgestalt, weil ohne Wirken im die moderne Musik nicht wäre, was sie ist. Gespenstisch, weil kaum jemand auch nur eine seiner Melodien wird pfeifen können.

War ihm der Zeitgeist gefolgt, war Roedelius schon weg. War der Zeitgeist weitergezogen, war Roedelius noch da. Was die eigentümliche Weise erklärt, mit der er seit 1968 die Gegenwart prägt – als mächtiger und stetiger Golfstrom menschlicher Wärme, die bis heute das Klima zum Guten verändert.

Am Anfang stand der Wunsch, alles Alte und Herkömmliche beiseite zu schieben – um ins Unbekannte und doch Eigene vorzudringen. Fluxus. Happening. Krach. Anders als die Kollegen von Kraftwerk, Can oder Neu! schlug Roedelius sich schon Mitte der Siebzigerjahre seitwärts in die Büsche. Und entdeckte dort die Stille, einen ganzen Kontinent davon. Mit Harmonia und Cluster beeinflusste er unter anderem Brian Eno, der diesem neuen Kontinent später einen Namen gab: Ambient.

Tim Story (*1957) ist ein verspäteter Einwanderer auf diesem Kontinent. Er kommt nicht vom Krach und dem Dilettantismus, sondern von der Akademie. Früh studierte er Claude Debussy, Charles Ives, Steve Reich, Robert Wyatt und, noch als Teenager, Harmonia und Cluster. Er studierte eine Schönheit, die mehr sein will als Zerstreuung. Sondern das Gute, zumindest eine Ahnung davon.

Wenn es einen Punkt gibt, an der sich die Ästhetik des amerikanischen mit der des deutschen Elektronikers berührt, dann liegt er in der Neuen Musik. Namentlich bei Arvo Pärt, dessen hyperharmonische Komposition „Tabula Rasa“ ebenfalls die Stille erforscht, aus klanglichen Clustern (!) besteht – und wahrlich letzte Dinge erkundet. Berühmt wurde das Stück während der Aids-Epidemie in den Achtzigerjahren. Als akustische Sterbebegleitung von einer tiefen Tröstlichkeit, die nicht mehr von dieser Welt ist.

„Mein eigentlicher Beruf ist Krankenpfleger, Sterbebegleiter, Physiotherapeut und Masseur“, erinnert sich Roedelius. Heilsam sei auch seine Musik, hilfreich und gut. Im österreichischen Lunz lernte er Tim Story kennen, und so nannten sie auch ihr gemeinsames Projekt. Auch „Lunz 3“ verfolgt den so schlichten wie anspruchsvollen Zweck, die Wand der Welt nach der Tür zu einer anderen Realität abzutasten. Nach Schönheit und Güte, den beiden gastfreundlichen Nachbarinnen der Stille.

Der Meister aus Berlin steuerte Skizzen bei, zärtliche Etüden in Dur und Moll, hingehauchte Melodiebögen, manchmal nur einem zögerlichen Tasten auf den Tasten. Sein Lehrling aus Ohio bettete die gesammelten Nuancen und Phrasierungen in einen warmen Fluss, um das Verstreute in einen „lebenden, atmenden Organismus“ zu verwandeln.

Roedelius spricht von einer „Erzeugung und Miteinanderverzahnung spezifischer Klänge und dadurch der Ermöglichung eines temporär begrenzten Entstehens und Vergehens einer Metaklangwelt mit Auswirkungen auf das Unbewußte des Horchenden“.  Man könnte auch Kongenialität nennen, was hier pulsiert und flirrt, rauscht und schabt, gluckert und sich in Echos verliert, als würden Boards of Canada von Philip Glass dekonstruiert, während Eric Satie dazu am Flügel träumt.

Die Musik ist heutig, aber zeitlos. Sie ist abstrakt, aber alles andere als Gegenstandslos. Denn überall ist Leben, von Landregen („Tenebrous“) , Verbeugungen vor Robert Fripp („Appropriate“) bis zu orientalisierenden Geigenschleifen („Plural“). Mehr als Möbel, metaphysische Massage. Und ein kontemplatives Kreisen um die alte Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Womöglich ja etwas Gutes.

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