Nils Frevert, Wien 2014, Grönland Records, groenland records, Berlin

Niels Frevert

Red‘ nicht von Liebe, von Wahnsinn oder Schmerz. Lebe und fühle, aber plapper nicht darüber. 
– Niels Frevert

So könnte die Prämisse lauten für das Schaffen von Niels Frevert, dessen Lieder eigentlich von allem handeln, was das Leben großartig und grausam macht, ohne dafür Pop-Superlativ-Phrasen abzuspulen. Große Momente brauchen keine großen Gesten, sie füllen auch so den Raum. Wenn sie denn wahr sind.

Das neue Album „Paradies der gefälschten Dinge” ist voll von diesen wahren Momenten, die den Hörer überraschen und überwältigen – eben weil sie sich nicht mit der üblichen Emotionalisierungsrhetorik ankündigen. Weil die Songs oft über den Umweg der Lüge und des Selbstbetrugs ins Innerste der Wahrheit vorstoßen. Und weil sie aus dem Alltag und seiner Sprache direkt in den Abgrund und seinem Schrecken führen.

Man höre nur das Lied „Muscheln“, das zu einer warmen Tremolo-Gitarre erzählt, wie jemand Muscheln kauft und sich vom Verkäufer den Rat geben lässt: „Lassen sie die Tasche offen, damit die Tiere Luft bekommen.“ Dann verunglückt der Muschelkäufer mit dem Fahrrad, die Schalentiere liegen verstreut auf der Straße und, jawohl: haben Luft. Frevert singt derweil: „Und vom Himmel her seufzten die Geigen“. Der Ich-Erzähler liegt nach dem Unfall im Krankenhaus und muss künstlich beatmet werden. Ein Pop-Song, erzählt aus dem Koma. Ja, das geht. Zumindest bei Niels Frevert.

Bei Niels Frevert seufzen nun tatsächlich ganz real die Geigen.

Es sind eher die dunklen Momente, von denen er zu leuchtenden Melodien berichtet. Etwa – in „Schwör‘“ ­– von einem Anruf bei einem Freund, der in der Psychiatrie ist und dem anderen das Versprechen abringt, dass er ihn spätestens im Frühjahr rausholt. Frevert singt voller Inbrunst „Psy-cha-trie“, ein Wort das man in dieser Form und generell im Pop noch nicht gehört hat. Und vom Studio-Himmel her seufzen nun tatsächlich ganz real die Geigen.

Oder nehmen wir „UFO“, in dem scheinbar ein außerirdisches Flugobjekt auf dem Dach des Hamburger Clubs Uebel & Gefährlich landet, während gleichzeitig Besucher des Kirchentags in der Stadt nach Zeichen spiritueller Verbindung suchen. Was zuerst wie ein flottes Christen-Dissing im Drei-Viertel-Takt klingen mag, macht im Text einen doppelten Boden nach dem anderen auf und entwickelt sich zu einer dringlichen Fragestellung: An was wollen wir glauben?

Vielleicht an die Liebe? Oje, vermintes Gelände. Man höre nur das Lied „Das mit dem Glücklichsein ist relativ“: Da fällt der Ich-Erzähler für einen Hochzeitsantrag vor seiner Freundin auf die Knie und bekommt eben das ernüchternde Statement mit der Relativität des Glücks hingeknallt. Alles relativ also?

Eben nicht. Aber „Paradies der gefälschten Dinge” ist nun mal Popmusik für Erwachsene, da wirken die billigen Illusionierungsmechanismen nicht mehr. Koma, Klapse und andere Katastrophen: Frevert, Jahrgang 1967, beschreibt Krisen, die im Erfahrungshorizont eines jeden Mittvierzigers auf die eine oder andere Weise präsent sind. Und warum das Unglück weglügen, wenn man die Wahrheit in so beglückende Musik kleiden kann? Auf diesem Album jubilieren die Streicher, die kunstvoll arrangierten Bläser spenden Energie. Und mancher der verblassten, verwirrten und verführten Charaktere in Freverts Liedern geht am Ende wieder aufrecht. „Paradies der gefälschten Dinge” handelt vom Verlaufen und Nachhause finden. Vom Auflösen und vom Rematerialisieren.

Niels Frevert’s langer musikalischer Weg ist ihm nicht anzuhören.

Auflösen und Rematerialisieren, das beschreibt auch die außergewöhnlich gewundene künstlerische Laufbahn von Niels Frevert ganz gut. Mit seiner Band Nationalgalerie spielte er Rockmusik in ungestanzter deutscher Sprache, wild, frei und voll grimmigem Witz. Doch leider wollte Anfang der neunziger Jahre kaum jemand intelligenten deutschsprachigen Rock hören. Vier Alben nahm die Band auf, sie wären heute allesamt Bestseller. Das erste hieß „Heimatlos“, der Titel sollte programmatisch für die Stellung Freverts im Musikbetrieb werden. Obwohl aus Hamburg, obwohl deutsch singend, obwohl Sprachklischees vermeidend: Mit der Hamburger Schule hatte er nur sporadische Kontakt. Später stieß Frevert auf andere Einzelgänger, die auf Deutsch ihre jeweils ganz eigene Songkultur entwickelten, etwa auf den inzwischen verstorbenen Nils Koppruch von Fink, Tom Liwa von den Flowerpornoes oder Gisbert zu Knyphausen.

Kein Schulverbund, keine Rauchereckenkraftmeiereien: Das macht einsam, aber auch frei. 2003 trat Frevert für viele ganz unverhofft nach sechs Jahren Pause mit einem Album aus dem Nebel des Vergessens, das deutschsprachiges Songwriting neu definierte: „Seltsam öffne mich“ führte zu harten, aber doch tastenden Rockriffs Worte in die Popmusik ein, die man zuvor als Gefühls- und Hitkiller empfunden hat, „Einwegfeuerzeugstichflamme“ etwa, oder „Tiefkühltruhe“.

Es folgten weitere eher sperrige Liedtitel, etwa „Baukran“ und „Waschmaschine“ – aber da war schon wieder ein halbes Jahrzehnt vergangen. Sie finden sich auf dem Album „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ von 2008. Unglaublich, mit welchem Sentiment Frevert Alltagsgegenstände auflud und ihnen Magie abrang. Nicht unerheblich dafür mag die kammermusikalische Extravaganz von „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ gewesen sein. 2011, die Abstände zwischen seinen Alben wurden endlich wieder kürzer, folgte „Zettel auf dem Boden“, in der Frevert noch einmal lakonische Beobachtungen und harmonische Pracht brillant zusammenspielen ließ.

„Paradies der gefälschten Dinge”, Frevert-Album Nummer fünf, markiert nun eine gewaltige Veränderung. Der Künstler wechselte Plattenfirma und Konzertagentur. Gemixt wurden die Aufnahmen diesmal von Olsen Involtini (Seeed, Peter Fox), der mehr Opulenz, aber auch gewagtere Dynamik in den Sound bringt. Großes Kino, das an Meilensteile des orchestralen Pop erinnert und Freverts Erkundungen falscher und echter Paradiese weite, lichte Klangräume öffnet. So können die Lieder musikalisch und lyrisch noch weitere Bögen schlagen, locken den Hörer noch tiefer in fremdes Terrain, um ihn dort mit angenehmsten Melodien und unangenehmsten Wahrheiten zu konfrontieren.

Der Studiowitz unter Freunden: „Jazz war sein Hobby“.

Eine Wendigkeit, die Frevert auch dem blinden Vertrauen und stillen Verstehen seiner langjährigen musikalischen Begleiter verdankt. Stephan Gade (Bass und gemeinsam mit Frevert Produzent der Platte), Stefan Will (Piano) und Tim Lorenz (Schlagzeug) sind klassisch ausgebildet; im Gegensatz zum Songschreiber, der ist Autodiktat. Im Studio wird oft gewitzelt, auf seinem Grab werde mal der Satz stehen: „Jazz war sein Hobby“. Eine Anspielung auf die komplexen Akkordfolgen, die er seinen Musikern abverlangt. Aber gerade darin liegt die Schönheit und Gemeinheit dieses Werks: Die Akkorde führen den Weg in unverhoffte Richtung, der Hörer wird reingezogen in eine fremdartig schillernde Welt, in der er doch an jeder Ecke auf eigene Erfahrungen zurückgeworfen wird.

Auf einmal ist man dann eben mitten drin, in der Liebe, dem Wahnsinn, der Weltverlorenheit. In diesem Paradies mit doppelten Boden. Dieses Album wird Sie erst betören, dann verstören. Und am Ende vielleicht sogar retten.

 

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