LLUCID

Die tiefen, blauen Träume beginnen mit einem wehmütigen Klavier und einer Stimme aus der Zukunft. Sie klingt spacig, cool, verfremdet, wie Popmusik aus dem Jahr 2047. Und trotzdem ist da eine gewisse Wärme. Vielleicht in den Worten. „So happy I could cry“, singt sie am Anfang. Und gerade wenn man sich fragt, ob man zum Taschentuch greifen soll, brät bei Sekunde 40 der Bass hinein. „I can’t stand the silence“, singt die Stimme nun – und beendet diese Stille in insgesamt zwölf Liedern auf ebenso mitreißende, wie stilsichere Art und Weise. „Silence“ ist der Opening Track des Albums „Deep Blue Dreams“, des gerade mal 26jährigen Musikers, Sängers und Produzenten Lucas Herweg alias LLUCID. Der dürfte einigen, die sich für international klingende Musik aus Deutschland interessieren, schon länger bekannt sein – aber dazu später mehr. Erst einmal sollte man eintauchen in diese zwölf tiefen, blauen Träume, die mitnichten allesamt so trance-artig beginnen wie der Album-Opener. Man höre nur „Manifest“: ein Banger zwischen Rap und Trap. Lässig, rotzig, selbstsicher, unfassbar druckvoll produziert – mit Chören, bei denen man am liebsten einen Ye-Vergleich ziehen würde, wenn der nicht dermaßen zum Depp mutiert wäre in den letzten Jahren. Dann wäre da noch „Cast Away“: sanfte Soundwellen, exquisite Beats und wieder der traurige, suchende LLUCID. Autotune but make it melancholic. Zeilen, die um Aufbruch und Erinnerung kreisen, „moving out to new shores“ heißt es einmal – und das trifft den Entdeckerdrang von LLLUCID ziemlich genau. Die großen Vorbilder von „Cast Away“ hört man mal mehr oder weniger deutlich: Kendrick Lamars ruhiger flowenden Stücke, die Produktionen eines J. Cole, die oft so leicht klingende Schwermütigkeit eines Frank Ocean, Künstler wie Ty Dolla $ign, die jegliche Grenzen zwischen Rap und R&B konsequent verwischen. Aber auch: Indie-Grenzgänger wie Bon Iver, der seinen späteren, artifiziellen Sound und Gesang schon 2010 auf „Lost In The World“ spektakulär mit diesem einst großen Künstler vermählte, der heute leider untragbar geworden ist und den wir vorhin schon mal droppten. „Wasting Time“ wiederrum holt eine junge, britische Großkünstlerin an Bord, die mit „A Reckoning“ schon im Januar eines der Alben des Jahres 2023 veröffentlichte: Kimbra singt in „Wasting Time“. Ganz lässig schwebt sie in die zweite Hälfte dieses ungewöhnlichen Duetts, dass spacig und heartbreaking zugleich klingt. Was natürlich viel an LLUCIDs Umgang mit der eigenen Stimme geht, die manchmal dank technischer Hilfsmittel noch viel mehr zum Instrument wird, als sie das mit analogen Mitteln hätte sein können. Für die Auto-Tune-Hater hat LLUCID dann auch die passende Antwort parat. „Wie lang läuft diese Diskussion jetzt schon? Seit Cher? Wobei ich zur Verteidigung der Hater sagen muss: Wenn man die Charts hört, dann verstehe ich ihren Punkt schon manchmal. Aber ansonsten sage ich ihnen immer: Ihr kennt den guten Shit nicht! Wenn man Frank Ocean hört, oder Bon Iver, oder ‚808s & Heartbreak‘, dann kann mir keiner erzählen, dass das keinen künstlerischen Wert hat.“   

Wer sich gelegentlich fragt, ob man hier wirklich in der Tracklist eines Debütalbums unterwegs ist: Ja, das ist schon so. Allerdings ist LLUCID einer von diesen Newcomern, die im strengen Sinne keine mehr sind. LLUCID hat eine Weile in Mannheim studiert, das praktische Musikmachen aber auf halber Strecke dem Studium an der Popakademie vorgezogen und dieses abgebrochen. Dort lernte er aber die die Sängerin Dena Zarrin alias Madanii kennen und nahm mit ihr erste Stücke auf. Wie gut das funktionierte, hört man am besten auf „Sober“. LLUCID, der mittlerweile in Berlin lebt und arbeitet, hat in den Jahren darauf langsam aber sicher das eigene Solowerk gepusht und im Frühjahr 2022 bei Grönland die Six-Track-EP „Getting In Touch“ veröffentlicht. Zur Single „Habits“ und zu anderen Tracks gibt es bisweilen fantastische Musikvideos, die in einer gerechten Welt ein paar Mios mehr Klicks hätten. Aber LLUCID hat ebenso sein Produktions-Portfolio erweitert und mit spannenden Menschen Musik gemacht, die sich im Rap ebenso finden, wie anderswo. „Ich habe eine Woche lang mit Hundreds gearbeitet und in der Zeit auch bei Philipp Milners Familie gewohnt. Es war großartig, jeden Tag gemeinsam im Studio zu arbeiten.“ Dort habe er viel gelernt, ebenso wie bei seiner Arbeit für das letzte Album der irischen Songwriterin Wallis Bird. Im Rap wird er vor allem von der Szene-Instanz Samy Deluxe geschätzt. Daraus habe sich mittlerweile eine richtige Freundschaft entwickelt, „die natürlich ein wenig so diese Mentoren-Note hat.“ LLUCID sei mal mit Freunden bei einer Session in Samys Studio eingeladen gewesen. „Ich dachte allerdings, das sei nur so ein gemütliches im Studio rumhängen und wusste nicht, dass es Samys Studio war.“ Man sei ins Gespräch gekommen, im Laufe des Abends hätte Samy irgendwann ein paar Song-Skizzen gezeigt und ihn gefragt, ob ihm dazu was einfiele.“ LLUCID fiel etwas ein – und Samy war hooked.  

Vermutlich stammt aus diesem erfüllten Kreativleben auch die Freude am Teamwork, die zum Beispiel „Higher Energy“ prägt. Ein hymnisches, mächtig hallendes Stück, in dem LLUCID die Genreschubladen des HipHops schlichtweg ignoriert, mal giftig-nasal rappt, dann wieder Chöre und amtliches Schmachten ins Feld führt, oder einen Chorus in den Song wuppt, der fast sakral daherkommt. Entstanden ist „Higher Energy“ in einem intuitiven Prozess, der ihm wohl nur möglich ist, weil er das Musikding seit Jahren lebt – was bedeutet: viel im Studio lebt. „‘Higher Energy‘ ist einer der Songs, die dort in mehr oder weniger in einer Nacht entstanden sind. Ich habe an dem Abend eine Art Songwriting-Camp veranstaltet und wir waren kreativ wie im Rausch. Wenn das passiert, habe ich manchmal am Morgen eine komplette Grundstruktur für einen Song. Außerdem ist mein Vorteil, dass ich multidisziplinär bin. Ich spiele Instrumente, singe, rappe, produziere – da kann ich sehr frei agieren.“ Und genau das tut er seit Jahren.    

Dabei schert sich LLUCID um Ländergrenzen ebenso wenig wie um Stilschubladen. Überhaupt könnte man seine Songs problemlos einer Show wie, sagen wir, „Rap Life Radio“ mit Ebro Darden auf Apple Music Radio unterschieben. „Made in Germany“ klingt hier nämlich wenig bis gar nicht durch – es sei denn, man schaut auf die Pionierphase der elektronischen Musik von Kraftwerk bis NEU!, die wohl jeden Produzenten irgendwie geprägt hat. Produktions- und geschmackstechnisch schaute LLUCID immer schon eher über den großen Teich. „Ich bin tatsächlich nur von amerikanischer Musik beeinflusst. Vor allem die Cole-Sachen oder der frühe Kendrick haben mir ganz neue Sphären erschlossen.“ Das merkt man auch seinem Gesangs- und/oder Rap-Stil an. „Bei mir ist es immer so diese Mischform. Mal gesungen, mal Rap, mal irgendwas dazwischen. Das hat sicher mein genrefreies Musikhören ein Stückweit ausgelöst. Es gibt einfach viel verschiedene vokale Handschriften – die eine passt manchmal besser als die andere. Als ich HipHop für mich entdeckt habe, mochte ich die krasse Rhythmik des Sprechgesangs, feierte aber immer auch diese melodischen Gesangsparts. Ich habe mich schon immer gefragt: Wieso mischt man das nicht mehr?“ Seine Arbeitsweise war dabei immer von einer gewissen Neugier geprägt, die nicht nur sein Musikhören sondern auch das Musikmachen öffnete. „Ich komme ursprünglich eigentlich vom Schlagzeug und vom Rock. Als ich älter wurde, habe ich mich dann immer für alle möglichen Genres interessiert. Ich funktioniere dabei so: Ich höre was Neues, finde es spannend, weil ich es nicht checke – und dann will ich es checken.“ 

Der Albumtitel „Deep Blue Dreams“ in Verbindung mit dem Künstlernamen LLUCID führt natürlich auch zu der eher tiefenpsychologischen Frage, ob man es hier mit einem luziden Träumer zu tun hat – also jemand, der in den eigenen Träumen bewusst handlungsfähig ist. „Leider nicht“, sagt er. Aber: „Mein eigener Name wäre ja ultra-langweilig und ich fand dieses Wort spiegelt meine Art, wie ich Musik erlebe sehr gut wider. Ich kann mich in ihr verlieren und in diesem Arbeitsprozess verschwimmen auch schon mal die Grenzen zwischen Fantasie und Realität, wie es in luziden Träumen passiert.“ Der Albumtitel ist also eine perfekte Ergänzung, Metapher – oder sogar eine adäquate Klangfarbe. „Ich habe mich im letzten Sommer mal für zwei Wochen in die Natur zurückgezogen und einfach Musik gemacht. Da war ich voll in diesem Film drin und habe zum ersten Mal intensiv drüber nachgedacht, wie denn dieses Album heißen könnte. Wie verknüpfen sich diese ganzen Songs, die ja stilistisch betrachtet all over the place sind? Ich liebe nunmal die Farbe Blau, diese verträumte Klangästhetik war ja offensichtlich – und so kam das zusammen.“ Auch das Coverbild bestätigte sein Titelwahl. „Das Bild stammt von Edgar Koop, einem Künstler aus Mannheim. Ich kannte ihn, weil er für mich und Madanii mal ein Video gedreht hatte, als er dort noch studierte. Seitdem folgte ich ihm bei Instagram. Dieses Bild habe ich schon vor zwei Jahren bei ihm gesehen und war instant verliebt. Ich habe mir gedacht: Irgendwann muss ich dieses Bild kaufen oder irgendwas damit machen. Als für mich im Sommer dann der Titel stand, bin ich noch mal bei Insta unterwegs gewesen, um Inspirationen zu sammeln, die zu ‚Deep Blue Dreams‘ passen – und bei dem Bild dachte ich gleich: Das ist ein Match.“ Koop war sofort dabei und man wird den Eindruck irgendwie nicht los, dass dieses Bild genau dafür einst gemacht worden war.  

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